Sicherheit ist ein ernstes Geschäft. Sicherheitsbeauftragte rund um die Welt sind darum bemüht, unseren Todeszeitpunkt möglichst weit nach hinten herauszuschieben. So hehr dieses Ziel auch sein mag, kann es dennoch zu unangenehmen Situationen kommen, wenn ein Sicherheitsbeamter sein Geschäft zu ernst nimmt – oder durchaus zu amüsanten Situationen.
Jeder hat gern mal ein bisschen Aufmerksamkeit. Ich habe auf meiner Rückreise einen Aufmerksamkeitsschub erhalten, von dem ich heute noch zehre. Dass wir seit Jahr und Tag keine Flasche Wasser mehr von zuhause ins Flugzeug nehmen dürfen, daran haben wir uns mit Sicherheit alle bereits gewöhnt. Dass inzwischen aber auch Armbanduhren und Funktelefone als Sicherheitsrisiko gelten können, war zumindest mir neu.
Zu Ihrer Sicherheit gelten auf allen europäischen Flughäfen neue Handgepäck-Bestimmungen
Eines haben europäische Flughäfen den US-amerikanischen voraus: Das Sicherheitspersonal ist deutlich laxer, und man muss bei der Sicherheitskontrolle seine Schuhe nicht ausziehen.
Da den USA diese “Laxheit” wohl bewusst ist, wird man beim Check-In auf einen Flug in die USA kurz von einem Agenten der amerikanischen Sicherheitsbehörden befragt. Haben Sie Ihren Koffer selbst gepackt, hat Ihnen jemand etwas mitgegeben, etc. etc. Ja, nein, ja, nein, ja… Haben Sie etwas in Ihrer Tasche, was wie eine Waffe aussehen könnte? Nein, natürlich nicht!
Wie sehr man doch irren kann.
Trial and Error
Der Mensch lernt nicht nur rein kognitiv, instruktiv oder wie auch immer, sondern auch durch ein uns allen äußerst bekanntes Prinzip: Versuch und Irrtum. Wir probieren etwas aus, schlagen uns dabei ein Knie auf oder kriegen eine sechs in der Klassenarbeit, und beim nächsten Mal erinnert unser Gehirn uns sanft daran, dass wir mit der Methode XY zuvor keinen besonderen Erfolg hatten.
Wir leben und lernen. Und wir machen Fehler. Oder schätzen eine Situation mal falsch ein. Wir müssen im Grunde gelegentlich irren, um zu lernen. Insofern bin ich niemandem für folgende kleine “Situation” böse. Im Gegenteil, selten stand ich so im Fokus der Aufmerksamkeit!
Auftritt: ein junger, unerfahrener Sicherheitsbeamter am Röntgengerät
Also, es war bei der Sicherheitskontrolle. Hunderte Menschen werden am Flughafen durch eine Engstelle geschleust, Rucksäcke, Rollkoffer und Handtaschen durchleuchtet, gelegentlich jemand abgetastet. Der Raum, in dem wir uns gerade befinden, ist gefüllt mit hunderten von Passagieren für zwei USA-Flüge.
Ich bin kooperativ und lege mein Laptop sowie meine Tüte mit Flüssigkeiten schuldbewusst in einen Plastikbehälter; ebenso meine Jacke sowie ein-zwei Kleinigkeiten aus meiner Tasche; und zuletzt meinen Rucksack. Ein Beamter lächelt mich freundlich an, ich schreite durch das Tor zur unendlichen Glückseligkeit und werde auf der anderen Seite mit einem durchaus liebenswerten “ok!” begrüßt. Mein Laptop und meine Jacke strahlen mich auch bereits an, fehlt nur noch mein Rucksack.
Was haben die denn mit dem vor?
Vor – zurück – vor – zurück. Kann der Typ kein Röntgenbild lesen? Hm, vielleicht habe ich wieder eine Wasserflasche im Rucksack vergessen… Was soll’s, rausnehmen, wegschmeißen, kauf ich mir halt ne neue. Kost’ ja nicht die Welt!
Zweiter Akt: Verdichtung
Während ich noch über Sinn und Unsinn von Flüssigkeitsregelungen nachdenke, spricht mich ein junger, sehr freundlicher (und durchaus schnuckeliger) Sicherheitsbeamter, von seinem Röntgenkollegen vorgeschickt, an: “Können Sie mir kurz sagen, was Sie alles in Ihrem Rucksack haben?” Klar! Bücher, Stifte, mein Handy… “Irgendwelche speziellen elektronischen Geräte?” Was meinst Du jetzt, Vibrator oder was? Willst Du mich auf den Arm nehmen, Alter? Das habe ich natürlich nur gedacht, gesagt habe ich: Nein, eigentlich nichts besonderes.
Derweil stehen um den Röntgenleser (der offensichtlich Tomaten auf den Augen hat) zehn ältere Kollegen. Ich höre Sätze wie “Isch bin neu, isch muss mir da erstmool än Bild machen!”, “Also, isch seh daa nix schlimmes, aber Du bis’ im Dienst, Du muss’ entscheiden!”. Na, das klingt ja erbaulich!
Die Hektik rund um mich herum nimmt spürbar zu, die Zahl der Beamtinnen und Beamten in adretter Kleidung ebenso. Meine Mitreisenden werden in andere Bahnen gelenkt, weg von mir. Da begreife ich zum ersten Mal, dass ich wohl als potenzielle Gefahr gesehen werde. Das Bild, das ich vom Röntgenlesegerät aus dem Augenwinkel erhasche, ist ein bizarres: Da liegt in einer Seitentasche meines Rucksacks meine Armbanduhr und mein Mobiltelefon, und die Kopfhörerkabel haben sich kunstvoll um beide herumgewickelt. Auf den unerfahrenen Sicherheitsbeamten muss das sehr überzeugend wirken (auf seine älteren Kollegen offensichtlich weniger).
Na, egal. Wenn keiner mit mir zu tun haben will, weil sie alle Angst vor mir haben, dann stelle ich mich halt neben den netten älteren Polizeibeamten und halte mit ihm ein kleines Schwätzchen. Eine sehr angenehme Person übrigens. So unaufgeregt!
Dritter Akt: Erregung
Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, von vielen Menschen angestarrt zu werden. Manche mit Neugier im Blick, manche mit Argwohn. Mir geht es aber deutlich besser als dem jungen Röntgenorakel. Der scheint sich seiner Sache nicht ganz sicher zu sein, und seine Chefin sich offensichtlich nicht ihres Untergebenen. Für einen Moment scheint mir alles seltsam unkoordiniert. In den USA wäre das nicht passiert! Da läge ich sicher schon längst auf dem Bauch, Hände im Genick. Deutschland, Deutschland, Deine Zukunft!
Und dann doch: Ein wichtiger Typ mit Schnauzbart (war der schon vorher da?) ergreift die Führung. Wir werden evakuiert! Man, was für eine Show! Sowas hab ich glaube ich noch nie erlebt, und das alles nur wegen mir! Ein wenig stolz bin ich schon, muss ich zugeben. Das letzte Mal ist mir sowas in der Art passiert, als ich vor zwölf Jahren in Tel Aviv auf dem Flughafen von zwei Soldaten abgeführt und von einem befragt wurde, warum ich in den Palästinensergebieten gewesen sei. Mich interessierte aber viel mehr, was er da unter der Uniform hat. Um die Geschicht kurz zu halten: Es wurde nichts aus uns beiden.
Vierter Akt: Verzögerung
Während mir diese Szene durch den Kopf geht, ich mit dem Polizeibeamten und dem schnuckeligen Kollegen des Röntgendeppen einen netten Plausch habe und dabei grinsend die Aufregung um mich herum beobachte, kommen die Bombenspezialisten angetrabt, sperren die Halle in einem Umkreis von 15 Metern ab und machen sich dann an die Arbeit. Was genau, das konnte ich aus meiner Perspektive leider nicht sehen. Aber die Auflösung sollte nicht lange auf sich warten lassen.
Fünfter Akt: (kein) Höhepunkt und Abschluss
Die “Untersuchung” dauert keine zwei Minuten, da werden wir alle wieder hereingebeten, mit den herrlich bürokratischen Worten: “ZK wiederbesetzen!” Ist das nicht herzallerliebst?
Nicht so lustig fand ich aber, dass der Inhalt meines Rucksacks völlig durcheinander in einer großen Plastikbox liegt. Wo bleibt denn da der deutsche Ordnungssinn? Naja, einen Wermutstropfen muss wohl jede Geschichte haben.
Dass ich meinen Flug verpassen könnte, darum war ich übrigens nie besorgt. Schließlich stand ja die Hälfte meiner Mitreisenden auf der anderen Seite der Evakuierungszone. Ich schlendere nach der ganzen Aufregung ganz gemütlich zum Boarding und hebe, immer noch mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, 45 Minuten später in Richtung San Francisco ab!
Die Moral von der Geschicht’
Ein wenig tat mir der Röntgenmann Leid. Ob es für ihn Ärger geben könnte?
Die Flughafenpolizei Frankfurt hat meine Personalien. Ich hoffe doch auf Post von denen, mit einem kleinen Bericht! Nichts würde ich lieber machen, als den hier im Blog auszustellen! Man muss schließlich beide Versionen der Geschichte kennen
So long!



































